Wegmarken in der Geschichte der Turnerschaft Durlach

1846

Das Durlacher Wochenblatt gibt am 5. November die Gründung des Turnvereins Durlach bekannt. In diesem Jahr ruft der spätere Durlacher Bürgermeister Christian Hengst eine der ersten Freiwilligen Feuerwehren Deutschlands ins Leben. Von den 50 Feuerwehrleuten waren 28 Turner.

1849

Auf mögliche Initiative der Durlacherin Henriette Obermüller, Freiheitskämpferin in der Badischen Revolution und Verfechterin der Frauenrechte, wird dem Turnverein eine Fahne in den Farben der demokratischen Bewegung gestiftet. Der Verein wird nach Niederschlagung der Revolution durch preußische Interventionstruppen wegen angeblicher Beteiligung am Freiheitskampf aufgelöst und verboten, die Fahne wird eingezogen.

1861

Der Turnverein gründet sich neu und bekommt von der Stadt Durlach eine Wiese vor dem Amalienbad als Turnplatz zugewiesen. Ein Schuppen der Brauerei „Roter Löwe“ wird erste Turnhalle. Doch das Vereinsleben nimmt bald rapide ab und erlöscht Mitte der 60er Jahre.

1864

Die bis zum Schluss im Turnverein verbliebenen Sänger gründen nach dessen Ende den heute noch bestehenden Gesangverein „Lyra“.

1874

Gründung einer „Turngesellschaft Durlach“, die sich jedoch ebenfalls wieder bald auflöst.

1878

Mit Unterstützung der Stadt, die mit der zur neu erbauten Friedrichschule gehörenden Turnhalle die infrastrukturellen Vorbedingungen schafft, rufen 80 Durlacher Bürger den „Turnverein 1878“ ins Leben.

1880

Im Schlossgarten geht in einer feierlichen Zeremonie die Weihe der heute noch existierenden Vereinsfahne über die Bühne.

1888

Nach persönlichen Differenzen innerhalb des Turnvereins und dem Austritt mehrerer Mitglieder gründen diese den „Turnerbund Durlach“.

1895

Aus dem wie der Turnerbund dem „bürgerlichen Sport“ zugehörenden Turnverein treten weitere Mitglieder aus und gründen die „Turngemeinde Durlach“. Diese schließt sich wie der ebenfalls 1895 gegründete „Arbeiter-Turnverein Aue“ 1920 dem Arbeiter-Turn- und Sportbund an. Die Nationalsozialisten lösen 1933 beide im Zuge ihrer Gleichschaltungspolitik auf. Zeugnisse ihres Vereinslebens fehlen in den Archiven.

1897

Der Turnplatz am Amalienbad soll bebaut werden, die Stadt weist dem Turnverein einen neuen auf dem damaligen Viehmarktplatz bei der unteren Mühle zu.

1910

Der Turnverein ruft eine Spielabteilung ins Leben, die neben den Turnspielen auch Faustball, Schlagball und den immer populärer werdenden Fußball aufnimmt. Zur Ausübung der Sportarten pachtet der Verein von der Stadt den Platz der ehemaligen Dampfziegelei.

1913

Der seit 1900 bestehende Turnplatz am Kutscherweg fällt dem Bau der Markgrafenkaserne zum Opfer, der Turnverein kauft von der Stadt auf der Unteren Hub Gelände für einen neuen eigenen Turnplatz und eröffnet diesen im Jahr darauf mit einem
Schauturnen.

1919

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der 48 Mitgliedern des Turnvereins an der Front das Leben kostete, und dem Zusammenbruch der Monarchie strebt die Freie Turnerschaft in der kurzen Zeit der Räterepublik erfolglos einen Zusammenschluss aller drei Durlacher Turnvereine an. Jugendturner des Turnvereins Durlach hatten bereits im Jahr zuvor die Aktivitäten auf dem Platz an der Unteren Hub wieder aufgenommen.

1922

Der Turnerbund Durlach entdeckt für sich den erst 1919 in Berlin entstanden Handball. Der Verein gehört damit nicht nur zu den Pionieren des Handballs in Baden, sondern holt sich auch 1924, 1926 und 1932 den Badischen Meistertitel der Deutschen Turnerschaft.

1924

Nach der von der Deutschen Turnerschaft verfügten „reinlichen Scheidung“ - der Unvereinbarkeit von Sport unter dem Dach eines Turnvereins - müssen die Fußballer den Turnverein Durlach verlassen und gründen im 1921 eingemeindeten Nachbarstadtteil die Spielvereinigung Durlach-Aue. Für den Fußball nimmt der Turnverein Durlach den als Turnspiel etikettierten Handball in sein Angebot auf.

1926

Der Turnverein baut Platz und Vereinsheim auf der Unteren Hub aus und richtet sogar eine eigene Bücherei ein. Bereits im Jahr zuvor gründet sich eine Frauenabteilung. Die Leichtathleten des Vereins erleben eine Blütezeit, stellen 1927 mit Willy Stoffel den Gaumeister im Stabhochsprung, dazu mit W. Wackershauser (400-Meter-Lauf) und Wilhelm Mäule (Speerwurf) zwei Vize-Meister.

1929

Die durch Weltwirtschaftskrise und Inflation bedingte hohe Arbeitslosigkeit in der Industrie- und Arbeiterstadt Durlach führt zu einem starken Mitgliederschwund und finanziellen Problemen des Turnvereins.

1932

Trotz der widrigen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Umstände gründet der Turnverein eine Segelfliegerabteilung. Die erstellt in Eigenarbeit ein „Zögling“ genanntes Flugzeug und testet es über den Wiesen bei Hagsfeld. Zudem tritt der Verein dem Deutschen Ringtennisbund bei. Dem Nachbarverein Turnerbund Durlach gelingt in diesem Jahr sein größter sportlicher Erfolg. Nach dem Gewinn der Badischen Meisterschaft im Handball schlägt die Elf von Spielwart Adolf Forschner vor 1 500 Zuschauern auf dem Ziegeleiplatz an der Grötzinger Straße in der Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft den württembergischen Vertreter Esslingen und scheitert erst in der Zwischenrunde beim pfälzischen Titelträger Zweibrücken.

1934

Die Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten, die neben der Auflösung des Arbeitersports auch eine Konzentration der bürgerlichen Sportvereine und deren Ausrichtung im Sinne des Führerprinzips beinhaltet, führt zum Zusammenschluss von
Turnverein und Turnerbund zur „Turnerschaft Durlach 1846 e.V.“ Der Verein hat jetzt zwei Plätze und zwei Vereinsheime.

1939 bis 1945

Der Turn- und Sportbetrieb der Turnerschaft kommt allmählich zum Erliegen, 80 Mitglieder fallen dem von Deutschland aus entfesselten Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

1945

Die den Franzosen folgende amerikanische Besatzungsmacht lockert das Verbot der sportlichen Betätigung. Gründung des ASV Durlach, der zunächst sämtliche sporttreibenden Vereine der ehemaligen Markgrafenstadt unter seinem Dach vereinigt.

1946

Nach Auseinandersetzungen mit dem ASV um das Vereinsgelände verlassen vormalige Turnerschaftler den Verein und gründen die Turnerschaft Durlach neu. Dadurch verlieren sie den Ziegeleiplatz an der Grötzinger Straße und haben nurmehr den vereinseigenen, stark zerbombten Platz auf der Unteren Hub mit abgebranntem Vereinsheim zur Verfügung. Die Aufbauarbeiten beginnen.

1948

Die Turnerschaft baut das alte Vereinsheim des Turnerbundes an der Grötzinger Straße ab und stellt es auf der Hub wieder auf. In den folgenden Jahren erweitert die Turnerschaft ihre Platzanlage bis Mitte der 50er Jahre auf eine Fläche von 24 000
Quadratmeter und baut diese ständig aus.

1953

Die Staffel im 4x 100-Meter-Lauf wird Badischer Jugendmeister. Im Jahr darauf findet das Kreisturnfest des Karlsruher Turngaus auf der Unteren Hub statt.

1956

Im Jahr des 110-jährigen Bestehens werden die Faustballabteilung gegründet und die jährlich bis 1969 ausgetragenen landesoffenen Leichtathletiksportfeste mit Hans-Schmidt-Gedächtnis-Lauf ins Leben gerufen.

1960

Die Turnerschaft Durlach, die bereits 1957 Dritter geworden war, unterstreicht mit dem Gewinn des Badischen Meistertitels ihre zu dieser Zeit führende Rolle im Hallenhandball. Spielmacher Winfried Gaus bekommt als erster Handballer aus ganz Karlsruhe eine Berufung in die bundesdeutsche Nationalmannschaft.

1963

Die Turnerschaft ruft eine Basketballabteilung ins Leben. Die Turner, die zuvor bei jedem Deutschen und Badischen Turnfest mit einer großen Zahl Aktiver vertreten waren, verlieren wie die Leichtathleten an Gewicht im Verein.

1970

Der jetzt fast 1 200 Mitglieder zählende Verein gründet eine Tischtennisabteilung und übernimmt die in der Oberliga spielende Basketball-Mannschaft des KSC.

1975

Die lange geplante vereinseigene Sporthalle wird mit tatkräftiger Hilfe von engagierten Mitgliedern, die insgesamt 8 500 freiwillige Arbeitsstunden leisten, in 127 Tagen fertig gestellt. Sie erhält nach einem großen Förderer und ehemaligen Handballer den Namen Werner-Stegmaier-Halle. Im selben Jahr gründet sich eine Tennisabteilung, im Jahr darauf sind sechs Tennisplätze spielbereit.

1980

Eröffnung des neben der Sporthalle neu gebauten Vereinsheims und Gründung einer Sportkegelabteilung. Die Turnerschaft beteiligt sich von Beginn an am Durlacher Altstadtfest.

1982

Im Jahr der Eröffnung der Weiherhalle ruft die Turnerschaft eine Volleyballabteilung ins Leben. Die Turnerschaft wird mit jetzt zehn Abteilungen mehr und mehr zum Großsportverein, der sich auch den wandelnden gesellschaftlichen Herausforderungen stellt. Der Verein forciert seine Angebote im Breitensport, nimmt Skigymnastik, spezielles Turnen für Kinder und Infarktsport in sein Programm auf. Das frühere Aushängeschild Handball verliert mehr und mehr an sportlicher Stärke und startet Mitte der 80er mit konsequenter Jugendarbeit von den Minis an einen Neuanfang.

1991

Die Turnerschaft errichtet ein Biotop auf ihrem Vereinsgelände.

1996

Im Jahr ihres 150-jährigen Bestehens meldet die Turnerschaft den Höchststand von 1 900 Mitgliedern. Danach setzt wie bei den Sportvereinen insgesamt, bedingt durch zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, verändertes Freizeitverhalten, dem Run auf neue Trendsportarten und private Anbieter, ein stetiger Schwund an Mitgliedern ein. Vor allem die Tennisabteilung ist vom Weggang stark betroffen.

2006

Nach einem Jahrzehnt ist die Talfahrt vor allem durch das Engagement ballspielender Abteilungen und der Verstärkung der Außendarstellung gestoppt, gegenüber dem vergangenen Jahr ist sogar ein leichter Aufwärtstrend zu verspüren. Der Verein hat insgesamt 1 267 Mitglieder. Die Turner stellen mit 565 Mitgliedern nach wie vor die stärkste Abteilung, gefolgt von den Handballern mit 238, Basketball mit 180, Tennis mit 160 und Volleyball mit 118 Mitgliedern. Auf der Anlage in der Unteren Hub findet das zweite Turnier Karlsruher Schulen im Beachvolleyball statt, den die Turnerschaft seit einigen Jahren ebenfalls im Angebot hat. Den Basketballdamen gelingt der Wiederaufstieg in die Regionalliga, die Handballer sind nach Jahren erstmals wieder mit einem Damen-Team an den Start gegangen, die Herren schaffen nach einem grandiosen Endspurt mit sechs Siegen in Folge den Klassenerhalt in der Landesliga. Und den Sportkeglern gelingt der Aufstieg in die B-Klasse. Die Turnerschaft beteiligt sich am Projekt des Instituts für Stadtgeschichte „Sport in Karlsruhe“, am Kooperationsmodell von Schulen und Vereinen und macht im Jahr ihres 160-jährigen Bestehens mit einem Spiel- und Sportfest auf der Unteren Hub auf sich aufmerksam. Die Leichtathletikabteilung veranstaltet den bereits 14. Turmberglauf, der jährlich Anfang Oktober hunderte von Laufsportlern in die ehemalige Markgrafenstadt lockt.

Mathias Tröndle